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Das Wort zum Freitag – Kirche in der DDR

By |Oktober 4th, 2018|Bericht|Kommentare deaktiviert für Das Wort zum Freitag – Kirche in der DDR

Da war er wieder, der große Feiertag. Sieben Solisten und drei Bands wurden zur großen Party in Berlin auf die Bühne gestellt, aus dem Osten war keine dabei. Vielleicht lag es daran, dass viel weniger Publikum kam als geplant.

Tja, der Osten. Das ist nicht etwa der Teil Deutschlands, der sich Dank des Mutes und der Kraft seiner Bürger beispielhaft und unblutig eines aufgezwungenen Systems entledigt hat. Es ist vielmehr der Fleck Erde, der nur Dank der Kirche, speziell der evangelischen, befreit und Teil der BRD wurde. So jedenfalls, wenn man kirchlichen Selbstdarstellungen glaubt. Tatsächlich hört man, selbst in atheistischen Kreisen, neben „Aber die Kirchen tun doch so viel Gutes“ fast genau so oft „Der Kirche haben wir die Wende zu verdanken“.

Was ist dran an der Behauptung? Ich mache es mir nun mal einfach und stelle hier meinen leicht angepassten Beitrag aus einem Forum ein, in dem die Kirche in der DDR diskutiert wurde. Deshalb werden am Rande auch noch andere Aspekte erwähnt:

Eine selbstverfasste und beim Hochschulfasching an der IHS Dresden vorgetragene Büttenrede hatte mich in die Oppositionsecke geschoben. Wo man hin geschoben wird, richtet man sich oft ein. Bei mir hat es am Ende zu 800 Seiten Stasiakte, 11 gegen mich eingesetzten IM´s und zwei operativen Vorgängen mit dem Ziel, die Gruppe um mich zu zerschlagen und mich zu vereinzeln, geführt. Angefangen hat es damit, dass ich in der Tramperszene bekannt wurde. Ich habe Hausabende veranstaltet, Kabarett gemacht und mehrere Jahre politische Faschingsprogramme im „Bärenzwinger“ geschrieben und aufgeführt.

Irgendwann bin ich auch in der Weinbergkirche, der angesagten Jugendkirche Dresdens, gelandet, habe mir „Schwerter zu Pflugscharen“ auf die Sachen genäht und ChristophWonneberger kennen gelernt, den ich bis heute verehre. Auch in der JG Mitte in Jena war ich mehrmals und von dort aus beim beeindruckenden Pfarrer WalterSchilling in Braunsdorf.

Zunächst führte das zu einem leichten Faible für die (evangelische) Kirche. Das hat sich schnell gelegt, je mehr Einblick ich bekam. Letztlich fand ich, SED und Kirche sind ziemlich gleich, beide missbrauchen eine an sich gute Idee zum Machterhalt.(Das mit den guten Ideen sehe ich heute anders). Ich habe schnell erkannt, diese Pfarrer haben auf eigenes Risiko gehandelt und sind dafür von ihren Vorgesetzten nicht gelobt, sondern gemaßregelt worden. Viel zu dieser Erkenntnis beigetragen haben Gespräche mit dem Sohn eines Pfarrers, mit dem ich enger befreundet war.

Aus diesen meinen Erfahrungen heraus kann ich bestätigen, es hat in der späteren DDR keine Verfolgung von Christen auf Grund ihres Glaubens gegeben. Auch früher war es in der Regel nicht der Glaube selbst, sondern etwas, das auch bei Nichtchristen so eingetroffen wäre. Wenn man z.B. als Pfarrerskind nicht gleich einen Studienplatz bekam, hatte das nichts mit dem Glauben zu tun. Pfarrer zählten zu den Intelligenzlern und es gab genaue Festlegungen, wie viel Arbeiter- und wie viel Intelligenzlerkinder pro Jahrgang und Studienrichtung angenommen werden.

War der Intelligenzleranteil voll, musst man ggf. warten oder es dort versuchen, wo er das nicht war.

Ebenfalls zustimmen kann ich bei der Einschätzung, dass die Entchristlichung der DDR eine Folge der konsequenten Verbannung der Religion in den Privatbereich war und keine Folge von Repressionen gegen die Kirche. Die hatte mehr Freiräume als jede andere Gruppierung in der DDR und im Übrigen das gemacht, was Kirche immer tut, sich mit den Herrschenden arrangiert. Schließlich flossen ja auch in der DDR Mittel aus dem Staats- in das Kirchensäckel, wenn auch längst nicht in den astronomischen Höhen wie in der BRD.

Die Politik der DDR hat keine andere absolutistische Lehre in der Gesellschaft geduldet. Die christliche Lehre war rein in das Private gedrängt und gesellschaftlich wirkungslos. Es gibt immer eine Menge unterschiedlicher Ideologien in einer Gesellschaft, es gab auch Nazis und sogar Monarchisten bei uns. Entscheidend ist aber, ob die gesellschaftlich wirken oder nicht. Das Christentum hatte dazu keine Chance.

Kirche im Sozialismus entsprach dem offiziellen Selbstverständnis der Kirche. Es war kein Versuch, Einmischung des Staates zu verhindern. Die gab es trotzdem immer wieder, man hat lediglich versucht, das nicht auf dem Weg des Verbotes tun zu müssen, sondern durch folgsame Kirchenfunktionäre im Gespräch mit dem Kirchenstaatssekretär oder Führungsoffizier. Da gab es mehr als genug Kontakte zur Stasi und Pfarrer als IM´s. Als Nachweis für diese Einmischung nehme ich Brüsewitz. Auch wenn bei seiner Selbstverbrennung persönliche Ursachen und Unzufriedenheit mit dem Verhalten der Kirchenführung mit eine Rolle spielten, seine eigene Begründung war die fehlende Freiheit für die Kirchen. Bezeichnend, dass höchste Kirchenvertreter sich nicht zuerst um dessen Familie kümmerten, sondern zunächst große Sorge trugen, der Brüsewitz könnte das gute Verhältnis zur SED getrübt haben.

Jahre später, nachdem sich inzwischen auch noch Pfarrer Günther in Falkenstein am Ende des Gottesdienstes vor seiner Gemeinde verbrannt hatte, kam es dann tatsächlich zu Gesprächen zwischen Staat und Kirche, die bestimmte kirchliche Freiheiten auch vertraglich geregelt haben. Weil Günthers Fanal aber ganz klar gegen Fundamentalisten in seinem Bereich gerichtet war, wurde dieser Akt von der Kirche unter den Tisch gekehrt und kaum jemand hat überhaupt davon erfahren. Brüsewitz hingegen wurde im Nachherein als erster Motor der Wende dargestellt.

Damit beginnt die ganz große Lüge. Die Kirche hat sich immer zu den Interessen des Staates bekannt. Kritik kam höchstens in kleinen Einzelheiten.
Es waren nie die Kirche selbst, sondern immer nur einzelne Pfarrer, die sich oppositionell zeigten. Diese Pfarrer, die damals gescholten, gemaßregelt, behindert und sogar abgesetzt wurden, dienen nun zum Nachweis einer angeblich oppositionellen Kirche. Was für eine Lüge!

Das beste Bespiel dafür ist Pfarrer Christoph Wonneberger. Als er von Dresden nach Leipzig versetzt wurde, hat er auch dort Friedenskreise aufgebaut bzw. übernommen. Wie nicht anders zu erwarten, wurde er mehrmals aufgefordert, das zu unterlassen. Beim offiziellen Kirchentag in Leipzig wurde ihm und seiner Gruppe sogar die Teilnahme verweigert. Als all das nicht half, wurde er letztlich abserviert. Der linientreue Pfarrer Führer bekam den Hut auf. Womit die Kirchenbonzen nicht gerechnet hatten, war der Protest der Friedenskreise. Die wollten Christoph zurück. Letztlich bleib der Kirche nichts, als dem zu folgen. Pfarrer Führer, der Name spricht für sich, blieb jedoch der Oberboss mit dem klaren Auftrag, die Politisierung der Montagsgebete zu verhindern. Das hat er folgsam mit allen Mitteln, wenn auch erfolglos, versucht.

Ausgerechnet dieser Pfarrer Führer und Superindendent Magirius, der versucht hatte, die Oppositionellen aus der Kirche zu vertreiben, wurden nach der Wende aber von der Kirche und den Medien zu den Helden von Leipzig hochgejubelt. Christoph Wonneberger hatte gerade da einen Schlaganfall und konnte sich nicht wehren. Deshalb bekamen auch diese beiden all die Ehren, Medaillen und Orden, die eigentlich ihm zugestanden hätten.

Es hat der Kirche zweifellos gepasst, wenn nun kirchenlinientreue Typen so geehrt wurden. Nur dadurch war es möglich, die Legende „Ohne Kirche keine Wende“ zu stricken. Wäre wirklich Wonneberger Hauptperson geworden, hätte man nicht verschweigen können, wie man vorher mit ihm umgegangen ist. Es wäre klar geworden, die Kirchenlinie war alles andere als Opposition.

Bitte helft überall, diese Geschichtsfälschung aufzuklären. Die Kirche darf damit nicht durchkommen, alles andere wäre schreiende Ungerechtigkeit.

(bs)

Begriffe:

IHS – Ingenieurhochschule
IM – Informeller Mitarbeiter, „ehrenamtlicher“ Stasispitzel JG – Junge Gemeinde
SED – Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
DDR – Deutsche Demokratische Republik

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