Das Wort zum Freitag –
Wenn die Presse religiös fühlt

By |Januar 5th, 2017|Brauchtum, Medien|Kommentare deaktiviert für Das Wort zum Freitag –
Wenn die Presse religiös fühlt

Wir haben eine Mail bekommen:

Liebe FSM-Jünger!

Beim Ausmisten meines Archivs tauchte der Entwurf  einer Glosse auf, die zur Veröffentlichung in einer Berliner Tageszeitung bestimmt war. Der
Beitrag wurde mit der Begründung zurückgewiesen, daß er „religiöse Gefühle“ (was auch immer das ist) verletzen könnte.

Vielleicht habt ihr Spaß daran. Sollte er auch eure „religiösen Gefühle“ verletzen, löscht ihn einfach.

Für 2017 wünsche ich euch möglichst viele Überläufer von der Christenheit.

Hans-Jürgen Russow

Na, unsere weltanschaulichen Gefühle sind so schnell nicht zu verletzten, auch wenn manches nicht ganz genau beobachtet ist. Deshalb bringen wir die Glosse nun hier als Gastbeitrag.

Religionen sind Teil der kulturellen Evolution. So haben wir uns an die teils grausamen, teils grotesken Geschichten wie Mord und Vergewaltigung im
Namen Gottes, Höllenqualen, unbefleckte Empfängnis, Auferstehung usw. irgendwie gewöhnt, ob wir daran glauben oder nicht. Völlig andere Geschichten, die ebenfalls weder beweisbar noch widerlegbar sind, werden jedoch als abwegig und verrückt abgetan. Das kennen auch die Mitglieder des Kirche Fliegenden Spaghetti Monsters, die sich südlich von Berlin im brandenburgischen Templin etabliert hat.
Diese Glaubensgemeinschaft lehnt sich an bewährte Muster an. Ich hatte die Gelegenheit, an einer Nudelmesse teilzunehmen, deren Ablauf an das christliche Abendmahl erinnert: Der Oberpriester versenkt in dem weit geöffnetem Mund des Gläubigen eine ca. ein Meter lange spaghettiförmige Teigware, dabei einen weitgehend sinnfreien Spruch murmelnd. Ihm sekundiert so eine Art Ministrant, der einen Kelch mit abgestandenem Bier bereithält, um evtl. Verstopfungen durch Nudelreste im Schlund des Empfangenden zu lösen.
Der kannibalistische Aspekt des christlichen Abendmahls ist bei diesem Ritual nicht zu erkennen, da der Oberpriester sich nicht zu der Behauptung versteigt, bei der Nudel handele es sich um den Leib des Spaghetti-Monsters. Auch bei den Reliquien läßt man sich von bekannten Vorbildern anregen. So wurde die anläßlich der Kirchen-Gründung geleerte Bierflasche zu einem heiligen Gegenstand erklärt, angeregt durch die im Dom zu Hannover aufgebahrten und
einst von Frau M. Käßmann auf ex getrunkenen Wodkaflasche, bevor sie sich zu einer heiter-beschwingten Autofahrt aufmachte.
Bei der liturgischen Gestaltung der Nudel-Messe werden völlig neue Wege beschritten, die auch bei den etablierten Glaubensrichtungen die nicht zu übersehende Religionsverdrossenheit vielleicht etwas mildern könnten. So treten die Messe-Besucher im Piraten-Look auf, was eine Stimmung erzeugt, die sämtliche rheinischen Frohsinns-Zumutungen in den Schatten stellt und nur in der brandenburgischen Karnevalshochburg Templin anzutreffen ist, und das
ganzjährig!
Das Drumherum des Einbringens der Nudel in den Gläubigen läßt bei manchem Teilnehmer den wehmütigen Gedanken aufkommen: So einen Kindergeburtstag hätte ich früher auch mal gern erlebt!
Wäre er der Bundespräsident, würde Otto Waalkes sagen:
„Die Kirche des Fliegenden Spaghetti-Monsters gehört zu Deutschland!“

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